Kastanienhaus-Einweihung

Als die Seniorenbegegnungsstätte Kastanienhaus am 16.4.1994 durch Herrn Bürgermeister R. Wilmbusse in Anwesenheit des Bundesvorsitzenden der AWO, Dr. Manfred Ragati, zahlreichen Ehrengästen, Bürgerinnen und Bürgern und Mitgliedern dem Vorsitzenden des AWO-Ortsvereins Manfred Behrend übergeben wurde, war allen Beteiligten die Erleichterung und große Freude über das Gelingen dieses Bauvorhabens anzumerken. 

Heute, betonte der Vorsitzende Manfred Behrend in seinen einleitenden Worten, haben wir dreifachen Grund zur Freude:

Erstens darüber, dass wir zum ersten Mal überhaupt im Kern unserer Stadt ein Gebäude und Mitarbeiterinnen sowie Mitarbeiter zur Verfügung haben, ganz und gar auf die offene Seniorenarbeit hin, geplant und gebaut und eingestellt.

Zweitens sind wir erfreut, dass die Vereinsarbeit der AWO-Lemgo nicht länger vorwiegend in den Wohnungen der jeweiligen Vorsitzenden stattfindet, in den noch stadtbekannten Zimmern von Brockmann und Balkes.

Der dritte Grund unserer Freude: Angefangen hat die Tätigkeit der AWO hier in Lemgo mit den Alten. Die aus Lemgo stammende Journalistin Carola Kleesiek schrieb vor gut 20 Jahren darüber und zeichnete das folgende Tätigkeitsbild der ersten Jahre der AWO unter Georg Brockmann; eine Zeit, die sich die Jugend heute nicht mehr oder nur sehr schwer vorstellen kann. Zitat: “Auf Handwagen holte er (Georg Brockmann) mit seinen Helfern vor der Währungsreform für die Bedürftigen das Gemüse, in seinem Keller kochte man Rübenkraut für fremde Menschen, man brachte Obst und Eier in die Flüchtlingslager, pachtete Gärten, um sie an Kinderreiche, Witwen und Flüchtlinge weiterzugeben und legte oft noch Hacke, Spaten oder gegen Raucherkarten gehandeltes Saatgut dazu. Später galt es, Erholungsaufenthalte zu vermitteln, Bekleidung zu beschaffen…

Es waren und sind ungezählte Aufgaben für die AWO“. Unter Walter Balke wurde die breitgefächerte Arbeit fortgesetzt und der schon damals unter allen Bereichen hervorstechendste, die Kinder- und Jugendhilfe, weiter ausgebaut. Bis heute sind in den vergangenen 49 Jahren mehr als 3000 Kinder und Jugendliche verschickt und betreut worden – ehrenamtlich!

Heute nun schließt sich der Kreis. So, wie fast alle AWO-Ortsvereine in Lippe, übernimmt der Lemgoer Ortsverein den Betrieb einer Senioren-Begegnungsstätte, den Betrieb des Kastanienhauses für die Senioren. Jugendhilfe und Altenhilfe finden ihr Gleichgewicht, ergänzen sich.

Die Lebensphase Alter hat in den westlichen Industrieländern an Dauer und Vielfalt zugenommen. Im Durchschnitt sind es zwanzig zu erwartende Lebensjahre, in vielen Fällen auch dreißig und mehr. Die Lebensphase Alter ist damit länger geworden als der Lebensabschnitt Kindheit und Jugend. Wohin soll ein alter Mensch gehen tagsüber, wenn alle außer Haus sind, nicht erreichbar sind? Das große Problem vieler alter Menschen ist die Isolation und Einsamkeit, die verbunden ist mit dem Gefühl, nutzlos, verlacht, gebrechlich, freudlos unmodern zu werden, überflüssig zu sein und anderen zur Last zu fallen. Jeder erlebt seine Not für sich allein.

Nicht so in dieser  Senioren-Begegnungsstätte, Gespräche, Diskussionen, Sport, Tanz, Werken, Lernen und Lehren darin bringt Abwechslung in den oftmals tristen Alltag eines alten Menschen. Alte Menschen dürfen sich nicht verstecken und verbergen! Sie müssen in Gemeinschaft und Bürgerschaft einbezogen werden.

Für die Anfangsphase haben die Mitarbeiterinnen des Kastanienhauses ein zweistufiges Konzept entworfen: Auf der einen werden den Benutzern Angebote zum Mit- und Selbermachen gemacht, auf der zweiten werden sie ganz sanft aufgefordert, die eigenen Vorstellungen und Fähigkeiten, Wünsche und Anregungen programmgestaltend mit einzubringen.

Zwei hauptberufliche Mitarbeiterinnen sind hier bereits tätig, weitere Teilzeitkräfte, Praktikanten, Zivildienstleistende werden dazukommen. Für einen Verband wie die AWO, die bisher alle Aufgaben ehrenamtlich geleistet hat, ist dies ein Markstein. Die gelegentlich geäußerte Befürchtung, das ehrenamtliche Bein der AWO könnte erlahmen, ist ganz und gar unwahrscheinlich. Ganz im Gegenteil: Die Ehrenamtlichen kommen nun in Schwung, ihr Können, ihre Tatkraft zu beweisen und werden es den hauptberuflichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in guter Weise spüren lassen. Wir Ehrenamtlichen sind froh darüber, dass unsere neuen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in viel stärkerem Maße, als wir es konnten, dafür sorgen, dass Sicherheit, Vertrauen und Solidarität auch künftig die Eckpfeiler sozialer Arbeit sind.

Ein weiteres Verhältnis möchte ich hier ansprechen: Die Beziehungen des Kastanienhauses zu den Senioren-Begegnungsstätten in den Ortsteilen. Die Seniorenarbeit in den Ortsteilen geht genau so weiter wie bisher, die wird nicht eingeschränkt oder gar abgehängt und abgeschafft. So hat das der Bürgermeister unserer Stadt in Namen von Rat und Verwaltung ausgedrückt. Und das ist gut so. Das Kastanienhaus freut sich auf die rege Zusammenarbeit mit allen Senioren-Begegnungsstätten.

[ … ]  Heute feiern wir noch, morgen beginnt die Pflicht. Wir haben uns freiwillig verpflichtet alle Anstrengungen geistig, schöpferischer, organisatorischer und finanzieller Art zu unternehmen, dieses Haus zu beleben und seinen Besuchern das Gefühl zu vermitteln, dass es sehr schön ist, nicht alt sondern älter zu werden. [ … ]“