Geschichte der AWO Lemgo

Die Anfänge der AWO

Im Jahre 1919 wurde die Arbeiterwohlfahrt von der Reichstagsabgeordneten Marie Juchacz (SPD) auf Initiative des Reichspräsidenten Friedrich Ebert (SPD) gegründet. In Lemgo erfolgte die Gründung eines Ortsausschusses erst in der zweiten Hälfte der 1920iger Jahre.

Bislang wurde angenommen, dass der bekannte lippische und Lemgoer Politiker Clemens Becker (Zur Person) die AWO Lemgo 1927 gegründet habe. In Hinblick auf die bevorstehenden Jubiläen und auf den 150. Geburtstag von Clemens Becker hat der Vorsitzende Manfred Behrend eine Quellenrecherche in Auftrag gegeben, um mehr über C. Beckers Wirken für die AWO zu erfahren. Darüber hinaus sollten die städtischen Archivalien auch in Hinblick auf C. Beckers Ehefrau, Marie Wilhelmine (Zur Person) untersucht werden, inwieweit sie ebenfalls für die AWO aktiv war.

Fabian Hartl (M.A.), Mitarbeiter des Stadtarchivs Lemgo, hat die Untersuchungen vorgenommen und interessante Details und Belege dafür entdeckt , dass die „Arbeiter =Wohlfahrt“ schon ein Jahr früher beschlossen worden ist ( s. Artikel) als bisher angenommen worden war. Weitere Untersuchungen über die beiden „Beckers“ stehen noch an.

Offenbar hat auch die Wahl Wilhelm Krügers zum Vorsitzenden der Lemgoer SPD, der von 1926 bis 1933 dieses Amt innehatte, zur AWO – Gründung beigetragen. Wir können deshalb beide, Clemens Becker und Wilhelm Krüger, zu den Gründern zählen.

AWO-Ortsverein Lemgo wird 90

Im Jahre 2016 hat der AWO-Ortsverein Lemgo Geburtstag. er wird 90 Jahre alt. Natürlich gibt es eine Geburtstagsfeier – und zwar im Dezember mit einem „bunten Abend“. Denn auch im Jahre 1926 war die erste Veranstaltung des Ortsvereins ein „bunter Abend“ bei Röding.

Aber lesen sie selbst den Zeitungstext vom 9. Dezember 1926 im VOLKSBLATT:

„Lemgo-Brake. Bunter Abend der Arbeiter-Wohlfahrt

Wie schon einmal an dieser Stelle bekanntgegeben, findet am Freitag, dem 10. Dezember, bei Röding, abends 8 Uhr, die Wohltätigkeits-Veranstaltung – der „Bunte Abend“ der Arbeiter-Wohlfahrt – statt. Die Darbietungen werden die Besucher gut unterhalten. Aus dem Programm ist hervorzuheben: das Singspiel „Aschenbrödel“, welches hauptsächlich von älteren Kindern aufgeführt wird; so auch „Liesels Traum“. Kinder können daher auch mitgebracht werden. Ohne Begleitung der Eltern haben Kinder keinen Zutritt. Die Musik wird von Kapelle Baule ausgeführt. Der Ausschuss der Arbeiter-Wohlfahrt hat keine Mühe gescheut, diesen Abend so würdig wie möglich auszugestalten. Nun liegt es an den einsichtigen Genossinnen und Genossen, zu erscheinen und auch Bekannte und Freunde zu veranlassen, ebenfalls Solidarität zu üben. Wenn auch Kläschen gewesen ist, so ist aber doch zu bedenken, daß der Zweck der Veranstaltung dahin geht, mit dem Reingewinn Weihnachtsfreude in die Häuser derer zu bringen, die durch die Wirtschaftskrise in große Not geraten sind. Der Eintrittspreis beträgt 50 Pfennig; Kinder sind frei.“

Gründung des Ortsvereins Lemgo der Arbeiterwohlfahrt

von Fabian Hartl (M.A.)

Die Quellenlage für die Anfangszeit der Arbeiterwohlfahrt in Lemgo ist sehr dünn. Insofern können sich Recherchen fast ausschließlich auf Artikel stützen, die in den lokalen und regionalen Zeitungen erschienen sind. Glücklicherweise kann man durch einen Artikel im Volksblatt aus dem Jahre 1926 die Gründung des Lemgoer Ortsvereins der Arbeiterwohlfahrt belegen. Das Volksblatt war eine sozialdemokratische Zeitung, die von der SPD seit 1920 auch in Detmold herausgegeben wurde und sich als Organ der Partei für ganz Lippe verstand (vgl. Staercke, S. 170). In der Rubrik „Vereins-Nachrichten“ wurden im Telegrammstil Veranstaltungsankündigungen gemacht und in der Rubrik „Aus dem Lande“ Nachrichten aus den einzelnen Städten und Ortschaften mitgeteilt. In den Ausgaben des Volksblattes vom 9. und 10. September 1926 wird in den „Vereins-Nachrichten“ eine Veranstaltung der SPD Lemgo angekündigt:

„Lemgo. Freitag, 8 Uhr bei Reichelt. Vortrag des Genossen Meier über die Arbeiterwohlfahrt.“

Diese Veranstaltung fand am Freitag, den 10. September 1926 statt. Im Volksblatt vom 13. September wird in „Aus dem Lande“ eine Nachlese der Veranstaltung gemacht, die wohl als Gründung des AWO-Ortsvereins Lemgo gelten kann:

„Lemgo. Aus der Partei. Am Freitag beschäftigte sich unsere sehr gut besuchte Parteiversammlung mit der Arbeiterwohlfahrt. Eine lose Verbindung bestand hier schon seit einiger Zeit. Bei der praktischen Arbeit ergab sich aber die Notwendigkeit einer strafferen Organisation und Gliederung. Genosse Meier aus Detmold legte in knappen Ausführungen die Entwicklung und gegenwärtige organisatorische Form der Arbeiterwohlfahrt dar. Er ging auch auf die Bedeutung einer energischen Betätigung in der Wohlfahrtsarbeit in allgemeiner Beziehung ein. – In einer kurzen Aussprache wurden die gegebenen Anregungen gutgeheißen, und es wurde anerkannt, daß eine nachdrückliche Betätigung in der angegebenen Weise zu bedeutungsvollen praktischen Erfolgen führen werde. Künftig soll nun in besonderen regelmäßigen Zusammenkünften über alle Einzelheiten beraten werden. – Nach der Erledigung einiger kleinerer Angelegenheiten konnte die vorzüglich verlaufene Versammlung gegen 10 Uhr geschlossen werden.“

Diese Veranstaltung kann wohl begründeterweise als Ausgangspunkt für „regelmäßige Zusammenkünfte“ gesehen werden und somit als Beginn einer kontinuierlichen Arbeit als Arbeiterwohlfahrt. Dies zeigt auch eine Veranstaltung, die im Volksblatt vom 9. Dezember 1926 als „Bunter Abend der Arbeiter-Wohlfahrt“ beworben wird. Diese Wohltätigkeitsveranstaltung sei vom „Ausschuß der Arbeiter-Wohlfahrt“ organisiert worden. Desgleichen richtete der Ausschuss der Arbeiter-Wohlfahrt auch die Weihnachtsfeier der SPD Lemgo aus, die am 16. Dezember 1926 im Volksblatt angekündigt wird:

„Lemgo. Aus der Partei. Wie im vergangenen Jahre, soll auch in diesem Jahre eine Weihnachtsfeier stattfinden. Der Ausschuß der Arbeiter-Wohlfahrt, welcher sich mit dieser Frage schon befasst hat, erwartet die Unterstützung von den gesamten Parteimitgliedern. Diese werden nun zu einer Versammlung in der Jugendherberge für Donnerstag, abends 8 Uhr, dringend eingeladen. Außer der Weihnachtsfeier sind auch noch andere Fragen zu regeln. Die Unterkassierer haben an der Versammlung unbedingt teilzunehmen.“

In der Geschichte der AWO Lemgo, die Rolf Schwegmann anlässlich des 70-jährigen Bestehens des Ortsvereins schrieb (s.u.), geht dieser noch von einer Gründung im Jahr 1927 aus. Diese Fehlannahme resultiert u.a. aus einem Bericht in der Lippischen Post vom 9. April 1930 (nicht 1. April wie Schwegmann schreibt):

„Die Arbeiterwohlfahrt Lemgo veranstaltete gestern im Saale des Herrn Röding einen Werbeabend, der sich überaus zahlreichen Besuches erfreute. Der Vorsitzende, Landrat Becker, Brake, eröffnete die Feier, entbot den Besuchern ein herzliches Willkommen u. dankte allen für ihr Erscheinen. Er ging dann auf die Arbeit der Arbeiterwohlfahrt, die in Lemgo seit drei Jahren bestehe und deren Zweck sei, Hilfe zu leisten, wo Not vorhanden sei, näher ein. In den vergangenen Jahren habe man schon viel erfolgreiche Arbeit leisten können. […]“

Vermutlich wird der Autor des Artikels bzw. bei einem wörtlichen Zitat Clemens Becker zur Vereinfachung drei Jahre genannt haben, anstatt auf das genaue Gründungsdatum abzustellen. In einem Artikel der Volkswacht vom 6. Februar 1928 wird der Jahresbericht der Arbeiterwohlfahrt in Lippe veröffentlicht, wo der Bezirk „östliches Westfalen und Lippische Freistaaten“ mit 18 Ortsausschüssen beschrieben wird, darunter fünf in den lippischen Orten Detmold, Lage, Salzuflen und Schötmar und Lemgo. Dieser zweite Artikel wird wohl die Fehlannahme Schwegmanns verstärkt haben. Auf der Basis seiner Informationen konnte er nur auf das Jahr 1927 zur Gründung des AWO-Ortsvereins Lemgo rekurrieren.

Eine Beteiligung von Clemens Becker an der Gründung des Ortsvereins ist (sehr) wahrscheinlich, kann allerdings aufgrund der dünnen Quellenlage (Stand jetzt) nicht nachgewiesen werden.
Quellen:

Lippische Post v. 9.4.1930
Volksblatt v. 9.9.1926
Volksblatt v. 10.9.1926
Volksblatt v. 9.12.1926
Volksblatt v. 16.12.1926
Volkswacht v. 6.2.1928

Literatur

Staercke, Monika, Die Gleichschaltung der Presse im Land Lippe in der ersten Hälfte des Jahres 1933, in: Lippische Mitteilung aus Geschichte und Landeskunde, 44. Band (1975), S. 160-200.

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Liebe Leserinnen und Leser,

ein Verein, der im Jahre 1997 seit 70 Jahren in Lemgo tätig ist, hat natürlich Geschichte, wenn auch leider keine geschriebene. Verständlich, denn die eigentliche Aufgabe der AWO, ihrer Organe und freiwilligen Helferinnen und Helfer hat für das Sammeln und Abheften von Berichten gar keine Zeit gelassen. Das Verbot der AWO in der Zeit des Nationalsozialismus hat zusätzlich dazu beigetragen, die Quellen auch der Lemgoer AWO fast zuzuschütten.

Dankbar sind wir Herrn Rolf Schwegmann aus Lemgo, der die Aufgabe übernommen hat, die Geschichte des AWO-Ortsvereins Lemgo zu schreiben – trotz all der Schwierigkeiten. Wir haben uns entschlossen, diese Geschichte nicht in festlicher Form herauszugeben. Sie soll hier dazu beitragen, die Aufgabe der Arbeiterwohlfahrt, ihre Ziele und ihre Alltagsarbeit in den Mittelpunk des Interesses zu rücken und das soziale Engagement aller Bürgerinnen und Bürger Lemgos wachzuhalten.

Nach und nach sollen Sie hier an Lemgoer AWO-Ereignisse erinnert werden. Vielleicht haben Sie selbst Erinnerungen, über die es zu berichten lohnt. Lassen Sie es uns wissen.

Manfred Behrend

Vorsitzender der AWO Lemgo

 

Geschichte der AWO  (1927 – 1997)      (Rolf Schwegmann, 1997)                                                                                 (Überschrift anklicken.)

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